Die schickeren Schotten

Geschichten aus der Börbenstriet – die Straße, in der wir leben und arbeiten

Der Buttjer trinkt Bier. Ein Bier – und zwischendurch einen Kurzen1, vorzugsweise schappwarm2. Im Übrigen pflegt er, friedlich zu sein. Schon weil die Hände in den Taschen vergraben sind, beschränkt er sich aufs Zuschauen. Seine Lieblingsbühne ist die Börbenstriet. In dieser Straße spielte sich Jahrzehnte lang, Abend für Abend, ein faszinierendes Schauspiel ab.

Die Börbenstriet
Auf dem Weg in Mindens Oberstadt: Bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts pulsierte in der „Börbenstriet“ das Leben. Die Straße war in der Nachkriegszeit für viele Tausend britischer Soldaten der direkte Weg in die Oberstadt – zwischen der Kaserne, den sogenannten „Westminster Barracks“, und dem Kneipenviertel. © Mindener Kommunalarchiv

Und das ging so: Die Börbenstriet – die damals noch einen ganz und gar bürgerlichen Namen trug – verbindet die Oberstadt Mindens auf direktem Weg mit einer trutzigen preußischen Defensionskaserne. Bis in die 90er Jahre wehte dort der Union Jack (die englische Flagge). Auf dem riesigen Gelände, von den britischen Besatzern „Westminster Barracks“ benannt, exerzierten seit den 50er Jahren statt der Langen Kerls (Soldaten Friedrichs des Großen mit einer Mindestgröße von 1,88 Metern) viele Hundert Soldaten aus dem Vereinigten Königreich. 

Die Leimis3 boten Exotisches. Schon wegen der Sprache. Gefühlt hätte die Börbenstriet genauso gut zum Turm von Babel führen können. Man verstand sich einfach nicht. Die einen waren der Buttjersprache mächtig, die anderen sprachen nur Englisch. Wo die einen ihre Plempe püttjerten4, löschten die anderen ihren Durst mit Whisky. Der war in den Barracks billig zu haben. Erst ließen die Besatzer die Flaschen kreisen, dann warfen sie sich – schon reichlich kolone5 – ins Mindener Nachtleben. Dazu ging es lustig und laut die Börbenstriet hoch. Am schlimmsten ramenterten6 die Schotten. Klein von Wuchs aber überaus temperamentvoll kämpften die Mitglieder des Bataillons in den Kneipen, als ginge es ums blanke Überleben. Man schlug sich, wenn auch vorzugsweise untereinander, demolierte Einrichtungen, warf Autos um. 

Der Buttjer schüttelte den Kopf. Und schaute weiter zu. Denn so sicher wie das „Amen“ in der Kirche – eine Stunde bevor die Glocken zur Mitternacht läuteten, küselten7 die klein gewachsenen Besatzer in unkontrolliertem Schritt und Tempo die Börbenstriet hinunter Richtung britisches Hoheitsgebiet. 

Bis 1962 der Ruf der kompletten britischen Rheinarmee auf dem Spiel stand: Die Geschichten aus der Börbenstriet hatten Kreise gezogen. Gerüchte über die Exzesse der schickeren8 Schotten drangen bis in die britische Hauptstadt. Von dort schickte man ein Filmteam nach Minden, das die Zustände dokumentieren sollte. Es wurde prompt von den Schotten verdroschen. Dieses Mal waren es aber nicht nur die Buttjer, die das Schauspiel verfolgten. 1,5 Millionen Engländer sahen das Spektakel im Fernsehen. Das schottische Bataillon wurde in den Folgejahren aufgelöst. 

Die Börbenstriet jedoch hatte ihren Namen weg und ihn aus der Nachkriegszeit hinübergerettet. Der Whisky fließt hier nicht mehr. Aber der kommunikativen Seite der Börbenstriet sind wir um so enger verbunden: Nirgends in Minden erzählt man bessere Geschichten!

1Kornbrand, 2wörtlich: „schrankwarm“, auf Zimmertemperatur, 3umgangssprachlich für „die Briten“, 4ihr Bier tranken, 5angetrunken, 6Krach machen, 7purzelten, 8betrunkenen

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